Büroskop

NZZ-Kolumne: Büorskop |Wenn der CEO eine Churchill-Rede hält, sollten Mitarbeiter genau hinhören

Der Geschäftsführer versucht, seinen Mitarbeitern Mut einzuflössen. Doch Graber wird angst und bange.

 

«Lassen Sie sich niemals eine gute Krise entgehen, meine Damen und Herren», begann der CEO seine Videobotschaft. «Oder wie Winston Churchill einst sagte: ‹Never let a good crisis go to waste›», fuhr er an seine virtuell anwesenden Mitarbeiter gewandt fort. «Auch wir werden gestärkt auf diese Corona-Krise zurückblicken.» Der dynamische Geschäftsleiter war in Topform, wie Graber, der die Veranstaltung im Home-Office verfolgte, neidlos zugestehen musste.

Plötzlich poppte bei ihm eine Kurznachricht seines Arbeitskollegen Brechbühler auf. «Graber, verstehen Sie, was ER uns mitteilen will???». Graber war froh um eine Abwechslung: «Die Krise setzt uns schwer zu, reissen Sie sich gefälligst am Riemen!», begann Graber die Rede des CEO zu übersetzen.

Der Firmenchef hatte seinen Monolog fortgesetzt: «Wir haben in den letzten Monaten unsere Strategie geschärft und unser Markenportfolio neu ausgerichtet. Unsere konsequente Upselling-Strategie sowie die Lancierung von Premium-Produkten zahlen sich aus. Alle unsere Anstrengungen sind darauf ausgerichtet, unseren Kunden eine einmalige Experience zu bieten.» «Was soll das nun heissen?», kam umgehend die Nachricht von Brechbühler.

Grabers Antwort folgte postwendend: «Wir haben unsere verstaubten Marken etwas aufgefrischt, Ladenhüter eingestellt und verkaufen die Produkte jetzt einfach zum doppelten Preis.» «Und was meint der CEO jetzt mit der ‹kompromisslosen Stärkung unseres innovativen Multi-Channel-Konzeptes zur Verbesserung des Kundenerfahrungsmanagements›?», kam schon die nächste Frage. «Wir haben bemerkt, dass unsere Kunden lieber online einkaufen. Deshalb fliessen nun alle Ressourcen in unseren digitalen Vertriebskanal. Wir pushen diesen, indem wir dort Billigprodukte anbieten.» Brechbühler liess nicht locker: «Aber wie verdienen wir damit Geld?» «Das wissen wir auch nicht», entgegnete Graber.

Jetzt dozierte der Chef über die einmaligen Chancen der geografischen Diversifizierung und der Labor- Cost-Arbitrage. «Oh, nein», sprach Graber nun zu sich selbst und verfolgte zusehends sorgenvoll die Live-Übertragung. Der CEO sagte gerade: «Blut, Schweiss und Tränen werden in den kommenden Monaten unsere Begleiter sein.» Er war tatsächlich ein grosser Churchill-Fan. «Unser Boss meint damit wohl Entlassungen, unbezahlte Sonderschichten und Lohnkürzungen, richtig, Graber?», kam die Nachricht von Brechbühler. «Richtig», entgegnete Graber. «Sie lernen schnell. Und falls Sie wieder von Ihrem Headhunter kontaktiert werden – nehmen Sie sein Angebot an», riet er seinem jungen Kollegen.

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