Büroskop

NZZ-Kolumne: Büorskop |Wie sich Mitarbeiter beschäftigt halten

Wie sich Mitarbeiter beschäftigt halten

Graber fühlte sich etwas unwohl in seiner Haut. Viele Aufgaben seiner Einheit Customer-Service waren dem automatisierten Customer-Welcome-Self-Service-Center zum Opfer gefallen: Neue Aufgaben hatte man ihm und seinem kleinen Team nicht übertragen. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass man sie bei der Restrukturierung vergessen hatte. Die tägliche Büroarbeit hatten er, sein Assistent und der ihm zugewiesene Lehrling innerhalb weniger Stunden erledigt. Den Rest bewältigte die neue digitale Anlaufstelle problemlos. Graber sass die Angst im Nacken. Zweifellos würden er und sein Team von der nächsten Entlassungswelle in Mitleidenschaft gezogen, sobald das Management von den unproduktiven Ressourcen Wind bekäme.
«Ruhig Blut, Graber», sprach er sich Mut zu. Zum Glück gab es da den Gruppen-Chat, in den er sich als Teamleiter einbringen konnte. Jeden Tag schrieb er vielbeachtete Kommentare wie: «Liebe Kolleginnen und Kollegen: Anbei noch meine persönlichen Thoughts zum Projekt 21: Aus Kundenperspektive sollte man unbedingt die Key-Learnings unseres letzten Features berücksichtigen. Da besteht grosser Handlungsbedarf. Sollte im Vorfeld des nächsten Sprint-Reviews geklärt werden.» Auch an den wöchentlichen Online-Kadersitzungen machte er sich regelmässig mit weitschweifigen Grundsatzfragen bemerkbar: «Die zentrale Frage lautet doch: Wie können wir als führender Market-Mover unseren Kunden mehr Added Value bieten?»
Um sich als guter Teamplayer zu positionieren, erklärte sich Graber bereit, den Business-Ownern des Projektes mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. «Es ist schliesslich für unsere Company ein wichtiger Milestone, wenn wir da weiterkommen.» Beliebt machte er sich bei seinen Kolleginnen und Kollegen nicht.
Gleichzeitig verschickte Graber vom Home-Office aus täglich unzählige E-Mails. Er vermutete, dass die von der Personalabteilung installierte Software «Orwell Analytics» nicht nur zur Steigerung des Wohlbefindens der Mitarbeiter und zur Prozessoptimierung installiert worden war.
Plötzlich klingelte Grabers Telefon. Sein Boss war dran. Graber wurde kreidebleich. «Ich bin aufgeflogen», durchfuhr es ihn. Doch sein Vorgesetzter war ausgesprochen freundlich und gut gelaunt. Er dankte ihm für seinen tatkräftigen Einsatz und bot ihm die Leitung des neu geschaffenen Teams Customer-Care-Solutions an. Graber brauchte ein paar Minuten, um zu realisieren, dass er soeben befördert worden war.

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