Büroskop

NZZ Kolumne Büroskop | Der vergessene Mitarbeiter

Alles begann mit einem Treffen in der Cafeteria. Der Angestellte in einem Nahrungsmittelkonzern traf am Kaffeeautomaten einen Kollegen aus einer anderen Abteilung, den er länger nicht mehr gesehen hatte. Der Kollege fragte ihn, wie das Projekt «Z» laufe. Der Mitarbeiter hatte davon noch nie etwas gehört und erkundigte sich, was für ein Projekt das sei. Der Arbeitskollege war irritiert und wechselte rasch das Gesprächsthema.
Zwei Tage später hörte der Angestellte erneut vom Projekt «Z». Zwei Mitarbeiter, die er nicht persönlich kannte, sprachen darüber, als er im Flur an ihnen vorbeiging. Zurück am Arbeitsplatz, begann er, seine E-Mails abzuarbeiten. Gerade wollte er gedankenverloren eine Nachricht in den Papierkorb verschieben, weil diese nach einer dieser unzähligen Mitteilungen aussah, die ihn eigentlich nichts angingen. Doch dann stockte ihm der Atem. Er las die Textstelle genauer, überflog dann die gesamte Nachricht und widmete sich schliesslich nochmals den Zeilen über das Projekt «Z». Er traute seinen Augen nicht. In einem Nebensatz stand, dass man sich bei Fragen gerne an ihn wenden könne.
Alarmiert eilte der Angestellte ins Büro seines Vorgesetzten und erkundigte sich, was es mit dem Projekt «Z» auf sich habe. Sein Chef blickte ihn überrascht an und fragte ihn, ob er denn nicht von Kollege Meier darüber ins Bild gesetzt worden sei. Der Angestellte schüttelte vehement den Kopf, unfähig, darauf zu antworten. Der Vorgesetzte schien aber gerade Wichtigeres zu tun zu haben, denn er blickte auf sein Smartphone, murmelte: «Entschuldige mich bitte», und verliess eilig das Büro. Im Vorbeigehen trug er dem Mitarbeiter auf, in dieser Sache baldmöglichst Kontakt mit Kollege Meier aufzunehmen.
Der Angestellte wappnete sich für das Schlimmste und wandte sich an den Kollegen. Meier fiel aus allen Wolken. Er sei davon ausgegangen, dass sein Vorgesetzter ihn darüber informiert habe. «Worüber denn?», fragte der Angestellte. «Wir haben entschieden, dir die Leitung des wichtigen Projekts ‹Z› zu übertragen», sagte Meier nun plötzlich mit feierlicher Stimme. Es handle sich um eine spannende Aufgabe, um einen regelrechten «Karriere-Katalysator» sozusagen. Meier weihte den Angestellten in die zahlreichen ehrgeizigen Ziele des Projekts «Z» ein und sprach vom ambitiösen Zeitplan. Natürlich gebe es aber noch viele Unklarheiten und Details zu klären.
Der Mitarbeiter sah ihn fassungslos an und verliess das Büro des Kollegen mit den Worten, dass er sich zuerst nochmals mit dem Chef in Verbindung setzen werde. «Offenbar handelt es sich um ein Missverständnis», stellte sein Vorgesetzter fest. Nun sei dieses aber geklärt, und man müsse nach vorne blicken. Das Projekt habe höchste Priorität. Mit den massgebenden Personen sei auch längst alles besprochen. «Mit den massgebenden Personen», wiederholte der Angestellte mit tonloser Stimme.
Dann erklärte er seinem Chef, dass er die Projektleitung leider aus zeitlichen Gründen nicht werde übernehmen können, weil er darüber erst jetzt informiert worden sei.
Sein Chef reagierte verärgert. Es sei doch alles eine Frage der richtigen Prioritätensetzung. Da es Kollege Meier offenbar versäumt habe, ihn über die wichtigsten Punkte in Kenntnis zu setzen, leite er ihm alle Unterlagen und E-Mails zum Projekt gerne weiter: «Pack die Sache am besten gleich an, es gibt einiges aufzuholen!» Spätestens an der nächsten Sitzung in zwei Wochen müsse er das finale Konzept vorstellen. Der Angestellte ging wortlos zurück in sein Büro und wählte, ohne zu zögern, die Nummer des Headhunters. Nach kurzem Klingeln hängte er auf und nahm die Arbeit in Angriff.
 

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