Büroskop

Ein Glücksprophet soll es richten

Die Stimmung in Grabers Betrieb war auf dem Gefrierpunkt. Noch nie hatten dermassen viele Mitarbeiter des Industrieunternehmens das Arbeitsumfeld als «demotivierend» bewertet, den fehlenden Kommunikationsfluss bemängelt und die Firmenstrategie als «nur in Ansätzen nachvollziehbar» bezeichnet. Die Fluktuationsrate war seit längerem im Anstieg begriffen. Auch in Grabers Team hatten mehrere Mitarbeiter gekündigt. Inzwischen war sich selbst die Geschäftsleitung einig: Es bestand Handlungsbedarf.
«Die Corona-Krise und das Home-Office drücken wohl allen aufs Gemüt. Ich kann mir diese unerfreuliche Situation gleichwohl nicht erklären», eröffnete der Geschäftsleiter die Videokonferenz. «Da haben wir erst vor ein paar Monaten die Kantine renoviert, das Grossraumbüro ergonomisch eingerichtet und die Lüftung erneuert. Aber unsere Belegschaft nimmt das kaum zur Kenntnis.» Der Spartenleiter Production and Engineering beeilte sich, dem CEO beizupflichten: «Unser Silicon-Valley-Spirit stösst auch nicht auf Resonanz.» Dabei sei das Kader bei der Restrukturierung vorbildlich vorgegangen. Alles sei umgekrempelt worden. «Genau», ereiferte sich der Personalchef: «Getreu unserem Unternehmensleitbild ‹Kreative Disruption schafft Neues› haben wir keinen Stein auf dem anderen gelassen.» Der HR-Leiter wandte sich fragend an die virtuelle Gruppe: «Aber vielleicht würde eine Gehaltserhöhung helfen?» Das Gesicht des Finanzchefs färbte sich rot: «Dafür fehlen uns die finanziellen Ressourcen. Sie wissen doch, dass die Pandemie auch uns zusetzt.»
Grabers Chef war der Ansicht, dass ein Team-Building-Event helfen könnte. «Haben Sie schon einmal von Social Distancing gehört?», fuhr der CEO verärgert dazwischen. «Und was ist Ihr Vorschlag, Graber?» Dieser zuckte zusammen. Die Videokonferenz hatte ihn schläfrig gemacht. «Wie wäre es wenn wir einen Chief Happiness Officer einstellen würden?», fragte er aufs Geratewohl. Es folgte betretenes Schweigen. «Was ist das, ein Chief Happiness Officer?», wollte der Geschäftsleiter wissen. «So eine Art Glücks prophet, der Unternehmen in Wohlfühloasen verwandeln soll», erklärte der HR-Chef abfällig. «Fortschrittliche US-Konzerne schwören darauf», präzisierte Graber. Die Miene des CEO hellte sich auf. «Damit zeigen wir, dass wir das Problem erkannt haben», schloss er. «Aber wo finden wir einen solchen Firmenclown?», überlegte er laut. «Das wäre doch etwas für . . . Graber, sind Sie noch online? Herr Graber, wir sehen Sie nicht mehr . . .?»

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