Nachgefragt bei Dr. Alexandra Bertschi-Michel, Oberassistentin, Institut für Organisation und Personal, Universität Bern

Die Credit Suisse hat zum 4. Mal gemeinsam mit dem Center for Family Business der Universität St. Gallen die Studie «Unternehmensnachfolge in der Praxis» herausgegeben. Aus einer Umfrage bei über 150 Unternehmerinnen und Unternehmern geht unter anderem hervor, dass die Nachfolge ein komplexer Prozess ist, oft hinausgezögert wird und bei dem oft externe Unterstützung notwendig ist. 

Wir haben bei Frau Dr. Alexandra Bertschi-Michel, Mitautoren der Nachfolgestudie 2022, über die wichtigsten Erkenntnisse nachgefragt.

Un­ter­neh­mens­nach­fol­ge in der Pra­xis: Her­aus­for­de­run­gen und Er­kennt­nis­se

CS Studie
Warum ist die Unternehmensnachfolge eine Herzensangelegenheit?
Es wird eben viel mehr weitergegeben als eine Firma, es wird ein Lebenswerk, häufig auch ein Baby, weitergegeben und das ist mit sehr unterschiedlichen Emotionen verbunden. Dieser emotionale Teil einer Nachfolge wird häufig vernachlässigt, sollte jedoch im Nachfolgeprozess bereits frühzeitig adressiert werden. Dazu gehören auch Fragen danach, wie der Unternehmer seine künftige Rolle sieht. Gemäss der neuen Nachfolgestudie ist es z. B. zentral, dass eine klare Aufgabenteilung, schriftliche Vereinbarungen und regelmässige Absprachen gemacht werden, wenn Vorgänger und Nachfolger noch eine Weile zusammenarbeiten.
Worin liegt die Einflussnahme der Vorgänger?
In der Studie wird aufgezeigt, dass über die Hälfte der Nachfolger den Vorgänger noch als beratende Stimme bei schwierigen Entscheidungen beiziehen sowie dessen Zugang zu firmenspezifischem Wissen und Netzwerk noch in Anspruch nehmen. Immerhin noch gut 40 % der Nachfolger benötigt auch noch die finanzielle Unterstützung des Vorgängers, z. B. via einer schrittweisen Übernahme der Firma oder, was man in der Praxis ebenfalls häufig sieht, via einer sofortigen 100 %-igen Übernahme, bei der aber der Vorgänger den Kauf noch mit einem Verkäuferdarlehen, einem sogenannten Stehbetrag, mitfinanziert.
Wie ist der Anteil der fachlichen Beratung und jener der Emotionen?
Gemäss CS/HSG Nachfolgestudie benötigen über 70 % der Befragten Beratung im Bereich der Steuern, gefolgt vom strategischen Vorbereiten der Firma auf die Übergabe und finanziellen Fragen. Interessanterweise gestehen sich viele Unternehmer/innen nicht ein, dass sie allenfalls auch im Bereich der persönlichen/individuellen Unterstützung Beratung bräuchten. Lediglich 21 % geben an, dass dies sehr wichtig oder wichtig sei. Dies deckt sich nicht ganz mit meiner Erfahrung, wo Nachfolgen immer wieder am Thema «Loslassen» resp. den persönlichen Gefühlen und Ängsten scheitern. Die Erfahrung zeigt, dass der Erfolg einer Nachfolge oft mit den Emotionen steht oder fällt.